Hunderte Euro. Aber nur wenn.

Hunderte Euro. Aber nur wenn.

Im Spiegel ist wieder einer dieser Artikel, bei denen ich mich immer frage, warum Journalisten und Redakteure eigentlich keine Lust mehr haben, Fragen zu stellen.

Die Überschrift ist ja toll:

Wer Vollzeit arbeitet, hat immer und überall Hunderte Euro mehr als im Bürgergeld

… wird aber sofort relativiert:

Selbst im ungünstigsten Fall sind es 379 Euro, meist aber noch deutlich mehr: Vollzeitarbeit zum Mindestlohn führt stets zu höheren Einkommen als das Bürgergeld – wenn Wohngeld und Co. beantragt werden.

Und ich denke so: hä?

Der Artikel basiert im Wesentlichen auf Äußerungen des WSI, einer gewerkschaftsnahen Einrichtung. Was mich daran so irritiert ist, dass die wesentliche Frage nicht gestellt wird.

Nämlich die, wie ein Mindestlohn gerechtfertigt werden kann, der offensichtlich nicht zum Leben reicht. Bzw. nur dann, wenn er um Sozialleistungen wie Wohngeld aufgestockt wird.

Der Artikel selbst will wohl mit dem Mythos aufräumen, dass es keinen Anreiz gäbe, arbeiten zu gehen:

Wozu noch aufstehen, wenn es sich im Bürgergeld doch fast genau so gut leben lässt?

Und genau hier ist das Problem: Der Artikel gibt gar nicht die Antwort, die man zu geben suggeriert. Denn das wäre „arbeiten lohnt sich, weil es Dir dann finanziell besser geht“. Vielmehr ist die Antwort, die gegeben wird: „Arbeiten für Mindestlohn lohnt nicht, weil es zum Leben nicht reicht.“

Ich finde es ärgerlich, dass solche Artikel wirken, wie 1:1 übernommene Pressemitteilungen und das scheinbar die Mühe gescheut wird, solche offenkundigen Widersprüche zu hinterfragen. Und vor allem an der Stelle mal keinen klaren Auftrag an die Politik zu definieren, dass der Mindestlohn so hoch sein muss, dass man ohne Sozialleistungen leben kann und keine Altersarmut droht.

Und ja, das muss die Politik angehen. Denn die Unternehmen haben keinen Grund, wenn solche Artikel normalisieren, dass der Staat den Job subventioniert. Und letztlich sagt ein Unternehmen, dass Mindestlohn zahlt: „Ich würde gerne noch weniger zahlen, aber ich darf nicht.“

Jetzt stellen wir uns mal vor, welchen Gestaltungsraum hier eine SPD hätte, wäre sie doch nur Teil der Bundesreg…. oh wait. Aber gut, sie müsste halt auch die Arbeitsministerin…. ups.

Also, liebe SPD: Arsch hoch und den Mindestlohn so weit anheben, dass der Einkommensabstand aus dem Artikel bestehen bleibt – der Bezug von Sozialleistungen parallel aber nicht mehr möglich ist!


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