Mercedes und die Totalüberwachung

Ich war ein paar Tage unterwegs und brauchte dafür ein Auto. Also habe ich eines gemietet und bekam einen recht neuen Mercedes CLA 180 Hybrid. Und ich frage mich ernsthaft, wirklich, was das soll. Wer kauft so eine Scheiße und was denkt sich Mercedes dabei?

Zunächst: der Motor ist alles andere als „sparsam“. Auch bei meiner sparsamen Fahrweise nicht. Das liegt auch daran, dass der Hybrid-Teil ziemlich nutzlos zu sein scheint. Das führt aber in der Folge dazu, dass man sich auch in der von mir gefahrenen „AMG-Line“ untermotorisiert fühlt.

Was ich besonders irritierend fand: im „Eco-Modus“ war das Auto kaum dazu zu bewegen, die 8. Fahrstufe einzulegen, sondern bliebt auch bei Tempo 120 auf der Autobahn im 7. Gang. Wozu habe ich dann 8?

Der Einstieg ist ungemütlich, das Raumgefühl beengt, die Sitze nicht für lange Touren geeignet. Ich könnte noch lange so weiter machen aber das ist müßig. Viel wichtiger ist mir, mal über das „Kundenerlebnis“ zu reden:

Viele Funktionen in dem Auto sind nur möglich zu nutzen, wenn man das Auto mit der App verbindet, die Mercedes anbietet und in der man natürlich ein Kundenkonto braucht. Was zur Hölle?

Auch die Navigation mit Google ist nur verfügbar, wenn das Auto mit einer App verbunden ist. 

Was auch ohne Verbindung, mit dem sogenannten „Gast“-Profil möglich ist, ist dagegen die Totalüberwachung der Personen im Auto. 

Das Erste was mir auffiel war, dass mitten im zentralen Dashboard eine Kamera ist. Deren Funktion sich mir nicht so recht erschließt, die sich aber auch nicht per Hardwareschieber deaktivieren lässt. 

Wer zur Hölle kommt auf die Idee, dass es gut sei, eine Kamera zu installieren, die die Nutzenden nicht per Hardware deaktivieren können?

Zumal, und das fand ich fast noch schlimmer: Selbst wenn man versucht sie über das Menü zu deaktivieren, bleibt wenig beruhigend die Anzeige im Display eingeschaltet: Ist sie jetzt an oder ist sie aus?

Und seht Ihr das kleine Mikrofon-Symbol?

Per Voreinstellung ist das Auto so konfiguriert, dass man dauernd akustisch überwacht wird. Mercedes erklärt das damit, dass man für die Sprachsteuerung dann halt nicht „Hey Mercedes“ sagen muss. Das bedeutet aber, dass ununterbrochen alle Dialoge aufgenommen und ausgewertet werden. 

Schaltet man das  aus, hört das Auto natürlich trotz des durchgestrichenen Mikros weiter zu. Man schaltet ja nur um, dass das Auto erst „reagiert“, wenn man „Hey Mercedes“ sagt. Um das zu erkennen, muss es aber natürlich durchgehend zuhören. 

Und ups, die Überwachung funktioniert natürlich auch ohne App und Nutzerkonto. Und wisst Ihr, was man für Bilder und Sprache am Besten noch einbaut? Richtig: Eine Cloud in der die Daten gespeichert werden. Und zwar ohne, das man weiß was wie wo lange gespeichert und analysiert wird. 

Was brauchen wir natürlich noch im Auto? Richtig, KI! In dem Fall nennt Mercedes das „Emotionale Intelligenz“ und „Proaktivität“. Und nach der Beschreibung hinter dem (i) soll das Auto meine Gefühlslage(!) erkennen und angemessen antworten, bzw. reagieren. Ich werde also nicht nur gefilmt und belauscht, sondern auch noch in der Tiefe analysiert.

Wisst Ihr, was dagegen nicht funktioniert hat? Der Tempomat. Der kostet nämlich extra. Wobei das doppelt unverschämt ist: Der ist nämlich nicht nur verbaut, sondern dauernd aktiv

Lässt man das Auto ohne Gaspedal auf ein anderes Fahrzeug aufrollen, passt der Abstands-Assistent nämlich sehr wohl das Tempo an, allerdings halt auch nur nach unten, er bremst also nur. Gas geben lassen kostet ja offensichtlich extra 😀

Wisst Ihr was auch deaktiviert war? Die Parksensoren. Was für eine bodenlose Unverschämtheit. 

Übrigens, seht Ihr das Männchen?

Das, was ich nach dem Einsteigen als Erstes gemacht habe, war eine Reihe von „Assistenten“ zu deaktivieren, die ich inzwischen für Gefährlich halte. 

  • Das Erste die „Aufmerksamkeitserkennung„, also die Überwachung der fahrenden Person, ob sie Anzeichen von Ermüdung kennt. Volvo macht das dezent über eine Reihe von Parametern, bei Mercedes ist aber ein hyperaktives Eichhörnchen unterwegs, das ständig glaubt, man würde den Lenker nicht richtig festhalten oder sei sonst wie komisch drauf.
  • Das Zweite war der „Spurhalteassistent„, der in einem Maß reagiert, mit dem die fahrende Person wohl nicht rechnet und gewollte von ungewollten Manövern nicht unterscheiden kann. Es erfolgen scheinbar willkürlich Eingriffe in die Lenkung.
  • Und natürlich „ISA – Intelligent Speed Assistant„, einer Geschwindigkeitskontrolle, an der nichts intelligent ist. Es wird versucht anhand von Kamerabildern und (bei mir nicht sichtbarem) Kartenmaterial zu versuchen zu ermitteln wie schnell gefahren werden darf. Kleine Überschreitungen werden schon durch hektisch blinkende Zeichen und Piepen angezeigt. Dumm nur das da, wo ich gefahren bin, ISA extrem oft daneben lag.

In der Summe haben diese drei Assistenten aber ständig um meine Aufmerksamkeit gebuhlt. Töne ohne Erklärung, blinkende Symbole, alles in allem extrem ablenkend. Und mit den Lenkeingriffen oft auch unerwartet und in der Summe gefährlich

Wie viel besser es geht, hat Volvo z. B. schon in der 2020er Baureihe vom XC 60 unter dem Namen „Pilot Assist“ gezeigt. Das was Mercedes hier liefert, ist ein Albtraum.

Alles in Allem habe ich hier also ein Auto, dass ich ohne App nicht vollständig nutzen kann, das mich durchgehend analysiert, filmt und belauscht, das ohne Zustimmung in eine Cloud hoch lädt und mich beim Fahren durchgehend ablenken will. Dazu ist es untermotrisiert und schlichtweg unergenomisch. Über die teils sehr umständliche Bedienung bei kaum ausgenutztem riesigem Touch-Screen rede ich mal gar nicht. 

Wenn Mercedes wirklich noch glaubt, „Oberklasse“ zu sein, würde ich auf Fieberträume tippen. Ein solches Auto ist eine absolute Frechheit und wenn man überlegt, dass man sich die Totalüberwachung in der von mir gefahrenen Variante ab knapp 50.000 Euro gönnen darf, dann fehlen einem, bzw. mir, da nur noch die Worte. 

 

 

 


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