Wenn die Schule geheim sein muss..
Als ich im letzten Jahr mitbekommen habe, dass die neue Bundesregierung die Taliban legitimieren will, indem sie diplomatische Beziehungen aufnimmt, war ich schon ziemlich erschreckt. Die Vorstellung, wir könnten Flüchtlinge nach Afghanistan „zurückführen“, was ja ein Euphemismus für Abschieben ist, fand ich grauenvoll.
In den letzten Tagen habe ich das wieder verstärkt auf dem Schirm, weil eine junge Frau, ein Mädchen, aus Afghanistan berichtet, wie es dort zugeht – vor allem, was die Herrschaft für Frauen bedeutet:
Früher sprachen wir über Bücher, Mathematik und unsere Pläne und Träume. Irgendwann ging es nur noch um Regeln: wie wir gehen, sitzen, schauen sollen. Jeden Tag predigten die Lehrer, wie wir den Hidschab tragen müssen, kein Haar darf zu sehen sein, wir dürfen kein Make-up tragen, nur lange, weite Mäntel. Auf der Straße dürfen wir nicht lachen, nicht reden. Unsere Stimmen, sagten sie, seien sündhaft. Ich fing an zu glauben, dass mein Körper und meine Stimme gefährlich sind.
(Quelle: Spiegel)
Ich übersetze das mal: Mädchen müssen sich harten Regeln unterwerfen, weil sie weiblich sind. Sie müssen sich verbergen, weil die Männer dort ihre Penisse nicht im Griff haben und die Schuld dafür der Weiblichkeit geben. Das ist so anachronistisch, dass man gar nicht glauben möchte, was man da liest.
Fast noch schlimmer ist für mich aber, wie man dort mit der Bildung umgeht:
Nein, ich besuche eine geheime Hausschule. Wir sind etwa 30 Mädchen in einem kleinen Raum und arbeiten den Stoff der neunten Klasse durch.
Damit Mädchen nach der 6. Klasse weiter lernen dürfen, sich entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben können, braucht es „Geheimschulen“, in denen sie unterrichtet werden, immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Zumindest solange, wie sie nicht zwangsverheiratet werden:
Sechs von 30 Mädchen unserer geheimen Klasse wurden bereits verheiratet. Zwei von ihnen hatten im Unterricht Tränen in den Augen und sagten: »Wir dürfen nicht mehr kommen. Unsere Onkel haben entschieden, dass wir heiraten müssen.«
Wie kann eine Bundesregierung mit einer vorgeblich „Christlichen“ Führung und einer „Sozialdemokratischen“ Partnerin sowas nicht nur nicht verdammen, sondern durch diplomatische Beziehungen legitimieren? Wie können wir überhaupt nur darüber nachdenken, Afghanistan für ein Land zu halten, in das man die Leute zurück zwingen könne, weil es angeblich „sicher“ sei?
Lesen zu müssen, dass es auf der Welt Mädchen gibt, die unter solchen Bedingungen „gehalten“ werden, erfüllt mich mit Scham, wenn ich daran denke wie wir hier weg sehen. Wie wir nicht wahrhaben wollen, was wir als Westen auf der Welt anrichten:
Ihr sollt wissen, dass es mich gibt – und viele Mädchen wie mich. Wir sitzen in kleinen, versteckten Zimmern und versuchen weiterzulernen, obwohl uns fast alles verboten wurde. Hunderttausende Mädchen hier haben nicht einmal die Möglichkeit, eine geheime Schule zu besuchen.
Und wir dürfen das nicht weiter hinnehmen. Wir müssen laut werden, gegen eine Bundesregierung die versucht, Menschen in ein solches System hinein abzuschieben. Im Gegenteil, wir sollten den Menschen aus Afghanistan, die es zu uns schaffen, die Möglichkeit geben zu lernen, sich zu bilden, Teil der Gesellschaft zu werden. Kinder zu bekommen, die nicht das Schicksal der genannten hunderttausenden Mädchen zu teilen, die nicht wesentlich über das Grundschulniveau hinaus kommen, verheiratet werden, unterdrückt werden und missbraucht.
Deutschland kann und muss sich seiner Verantwortung bewusst werden!
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