Zum Stand der Digitalisierung 2026
Seit ungefähr 30 Jahren arbeite ich in der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg aber immer mit viel Geduld. In jüngster Zeit aber frage ich mich, ob ich nicht zu geduldig bin.
Fangen wir mal mit meinem iPhone an:
Ich wollte mal mein Handy neu installieren. Ich hatte seit x Generationen immer nur die Einstellungen übernommen und wollte mal mein iPhone sauber neu konfigurieren. Dabei bin ich auch zwei Hindernisse gestoßen, die ich nicht erwartet habe:
Während die Neuinstallation der Apps von Sparkasse und TradeRepublic ohne Probleme funktionierten und ich im Nachgang auch die S-Push-Tan über die Website meiner Sparkasse aktivieren konnte, war ich nicht darauf eingestellt, dass das bei zwei weiteren Banken scheitern sollte:
Sowohl Consorsbank, als auch Deutsche Bank ließen nicht zu, dass ich die Software in Betrieb nehmen. Im Gegenteil, bei beiden bin ich sogar vom Web-Banking ausgeschlossen. Weil ich ohne funktionierende App mich nicht einloggen kann, ohne eingeloggt zu sein aber die Apps nicht aktivieren kann. Die Lösung beider Institute?
Man schickt mir einen Brief.
In 2026. Einen fucking Brief.
Mit der Folge, dass ich nicht nur meine Konten nicht abrufen oder darüber verfügen kann. Ich kann auch die damit verbundenen Karten nicht nur nicht im Wallet nutzen, sondern grundsätzlich für Online-Transaktionen. Warum? Na, weil ich Buchungen per Handy freigeben müsste.
Das ausgerechnet die Sparkasse, deren IT ja eher ein schwerfälliger Tanker als ein Schnellboot ist, hier mit gutem Beispiel vorangeht, habe ich nicht erwartet. Das ist doch ein Armutszeugnis, dass ich meine Zahlungsmittel und Konten tagelang nicht nutzen kann.
Damit sind die Banken aber nicht alleine. Weil auch andere Apps, wie z. B. meine DKV-Krankenversicherung, nicht funktionieren. Also erst funktionieren, wenn man mir einen Brief gesendet hat. Völlig absurd wird das aber bei DATEV, über die ich mit meiner Steuerberaterin kommuniziere. Auch hier brauche ich einen Barcode aus einem Brief. Witzigerweise habe ich den von 2019(!) noch. Und Ihr könnt Euch meine Verblüffung vorstellen, dass der Barcode von vor mehr als 6 Jahren noch funktioniert und dem, der ihn in die Hände bekommt, Zugriff auf meine Steuerunterlagen gewährt. Wow.
Bei der Gelegenheit wollte ich aber auch mal die neuen Apps des Bundes testen. Darunter BZSt IBAN+ und i-KFZ.
Erstere App erlaubt mir nur meine IBAN einzugeben und anzusehen. Wieso braucht der Bund eine ganze App für nur eine einzige Funktion, gerade wo das BZSt ja auch meine Einwohner- und Steuerdaten hat. Was hätte man für eine geile Self-Service-App bauen können, statt dessen kann ich nichts machen – außer einer IBAN einzugeben, wenn ich mal Geld vom Staat erwarte.
i-KFZ ist aber noch schlimmer. In Verbindung mit meinem elektronischen Personalausweis kann ich hier meine Fahrzeugbriefe hinterlegen. Coole Sache. Auch wenn es natürlich nur in Deutschland gilt. Warum auch in Europa was europäisches… aber ich schweife ab.
Tatsächlich ist i-KFZ aber eine App, von der man nur dringend abraten kann. Denn um in einer Polizeikontrolle meine Daten vorweisen zu können, muss ich das Handy entsperren und der Polizei geben oder so hinhalten, dass sie sehen kann. Und wenn man eines nicht will, ist das der Polizei sei nicht gesperrtes Handy in die Hand zu drücken. Und ja, hier müsste man, denn es sind nicht mal alle relevanten Daten auf dem ersten Bildschirm.
Die bessere, einzig wahre Lösung wäre gewesen, wenn es einen Export ins Wallet geben würde, ähnlich Flug- und Bahntickets, die ich vorzeigen kann ohne mein Handy zu entsperren. Ausgehend von der modernen Ausstattung der Polizei hätte man sogar einen scanbaren QR-Code integrieren können. Wie es z. B. meine KFZ-Versicherung macht: Deren App legt einen „Pass“ ins Wallet den ein Unfallgegner nur scannen braucht und alle wichtigen Infos zu mir, meinem Fahrzeug und meiner Versicherung hat.
Das alles deprimiert mich mehr, als es sollte. Denn wir haben 2026 und wir reden hier nicht über modernes Hexenwerk. Sondern über bewährte Technik die hundert- und tausendfach im Einsatz ist. Aber wenn wir in Deutschland so weiter machen, dann werden wir den Vorsprung anderer Länder nie aufholen und ich kann mir auch europäische und deutsche Souveränität bei Computern abschminken. Schade eigentlich.
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